2004 Oktoberfest

Zwei Wochen nach dem Jugehörig-Weekend in Köniz organisierte Ruben aus unserem Team zusammen mit einer Münchener Jugendgruppe am 18./19. September ein Weekend in der Hauptstadt Bayerns. Im Folgenden sein Bericht:

Als sich am 18. September frühmorgens vier Schwerhörige im Hauptbahnhof Bern trafen, um an das Oktoberfest nach München zu reisen, fiel mir ein Stein vom Herzen. Nun würde es also doch klappen! war ich mir endlich gewiss. Im Sommer lernte ich an einem Sommercamp für schwerhörige Jugendliche in Deutschland unternehmungslustige Jugendliche aus München kennen, die dort auch eine Jugendgruppe leiten, und beschloss mit ihnen eines schönen Abends, dass ich sie zusammen mit einigen Schweizern in ihrer Heimatstadt besuchen würde. Aber bis es schliesslich soweit war, vergingen doch ein paar ereignisreiche Wochen, in denen wir uns manchmal nicht mehr ganz sicher waren, ob es denn nun tatsächlich stattfinden würde… Ich bemühte mich, mit Flyern und meinem Freundeskreis Teilnehmer zu gewinnen und organisierte die Reise, während sich die Münchener darum kümmerten, eine Menge Mitglieder ihrer Jugendgruppe zusammenzutrommeln, ein ausgefeiltes Aufenthaltsprogramm zu erarbeiten und unsere Unterkunft bei sich zuhause zu organisieren. Zwei Wochen nach dem Jugehörig-Weekend in Köniz (siehe anderer Bericht) war schliesslich soweit und ich fuhr mit Brige, Jessy, Bea, Eva und Marcel nach München… Nach schier endloser Reise wurden wir mittags von einem wahrhaftigen Abholkomitee am HBf München herzlich empfangen. Nach vielen Hallos und Willkommens verstauten wir unser Gepäck in Schliessfächern und machten uns sogleich auf einen Rundgang durch München bei strahlendem Sonnenschein. Wir besichtigten eine ganze Reihe der Sehenswürdigkeiten Münchens, darunter den Karlsplatz, den Marienplatz, das Nationaltheater, das Maximilianeum, den Friedensengel, die berühmte Frauenkirche (Münchens Wahrzeichen) und vieles mehr. Extra für diese Tour gestaltete man für uns gelbe Blätter, auf denen Infos zu allen Bauwerken übersichtlich und der Reihe nach aufgeführt waren, um anstrengende Erklärungen zu vermeiden und die Aussichten unbefangen geniessen zu können. Dennoch entgingen uns Schweizern eine ganze Menge Details, da wir an den Lippen unserer Gastgeber klebten und uns mit ihnen unterhielten und bekannt machten… Um die Tour abzurunden, machten wir einen ausgedehnten Spaziergang im Englischen Garten Münchens, einer der grössten Stadtparks der Welt. Dort gab es viele interessante Dinge zu entdecken – zum Beispiel Surfer auf einer grossen Welle des Eisbachs oder die riesigen Maßkrüge in einem der Biergärten. Nachdem wir uns vom Stadttrubel erholt und neue Energie getankt hatten, machten wir uns abends auf den Weg zur Wies’n wie die Münchener das riesige Oktoberfest nennen. Auf diesem von Menschen überfüllten überdimensionalen Jahrmarkt trafen wir eine Horde weiterer Jugendlicher, die regelmässig an JuGru-Events teilnehmen. So viele junge Schwerhörige! Wir teilten uns in Gruppen auf und entdeckten das Oktoberfest, wobei wir die Zeit beim Schlangestehen an den spektakulären und nicht ganz billigen Achterbahnen nutzten, um uns zu unterhalten und uns (näher) kennenzulernen. Nachdem wir ein paar Stunden durch die Luft gewirbelt wurden und verschiedenste Oktoberfest-Spezialitäten gestestet haben, trafen wir uns wieder und genossen ein gemeinsames Nachtessen in einem urigen Bierkeller. Dort verbrachten wir einen gemütlichen Abend, mehrheitlich smalltalkend mit einem Glas Bier oder Spezi in der Hand. Die Zeit verging rasch, und plötzlich hatten sich schon alle bis auf uns und das JuGru-Team verabschiedet. Als es kurz vor Mitternacht war, waren nicht nur unsere Hörgerätebatterien erschöpft und wir machten uns auf den Weg zu unseren Gastgebern nach Hause. Brige und Jessy schliefen bei Anna, Bea und Eva bei Lotte, und Marcel und ich bei Tobi zuhause. So machten wir uns auf den Weg, per Metro durch das nächtliche München zum Heim unserer Gastfamilie zu gelangen. Diese kurze Reise gestaltete sich recht abenteuerlich und bescherte uns noch einige Anekdoten. Denn zu so später Stunde waren noch sehr viele Bayern unterwegs, frisch vom Oktoberfest und im vollen Bierrausch…. Allerlei Bierleichen lagen verstreut herum und lustige Gestalten torkelten durch die Metro. Endlich bei Tobi angekommen, tranken ich und Marcel noch eine Tasse Tee in der gemütlichen Stube und kamen etwas zur Ruhe, ehe wir todmüde und erschöpft auf den für uns bereitgestellten Matratzen einschliefen.

Nachdem wir Sonntags endlich aus dem warmen Nest gekrochen sind, genossen wir ein leckeres Frühstück in Gesellschaft von Tobis Eltern, seinem Bruder und ihrem Kanarienvogel, bevor wir uns wieder per Metro auf den Weg machten, um die anderen im beeindruckenden Olympiapark Münchens zu treffen. Dort besichtigten wir die ausgedehnten Sportanlagen und genossen die Aussicht vom 290m hohen Olympiaturm, nachdem wir mit dem schnellsten Lift der Welt (7m/sec) auf dessen Aussichtsplattform befördert wurden. Wir achteten kaum auf die Zeit und machten uns gemächlich auf den Weg zum Hauptbahnhof, um zurück in den Schweizer Alltag zu reisen. Offenbar nahmen wir es zu locker, denn die Bahn nahm es auch in München sehr genau mit den Abfahrtszeiten und fuhr just in dem Moment ab, als wir das Gleis erreichten… Oje! Zum Glück fand sich ein anderer Zug, der jedoch erst um sechs Uhr abends fuhr und uns erst Mitternachts das eigene Bett erreichen lassen würde. Wir fügten uns dem Schicksal und genossen gemeinsam mit dem JuGru-Team einen herrlichen Abschluss in einem lauschigen Biergarten Münchens. Im Grünen an der Sonne diskutierten und lachten wir noch einmal einen ganzen Nachmittag lang, bevor wir endlich unterwegs waren. Aber niemanden von uns reute die Verspätung; zu schön war dieser letzte Nachmittag.

Nach langer und amüsanter Fahrt mit Unospielen und Geschwätz auf peinlichem Niveau endlich zuhause angekommen, schliefen wir sogleich ein und wachten tags darauf im gewohnten Alltag wieder auf. Nicht ganz; denn München blieb uns noch lange im Kopf und die schönen Begegnungen vergisst niemand von uns. Die Handynummern und Adressen der Münchener haben wir uns alle gesichert und erfreuen uns ab jetzt an einem guten Draht in die Bundeshauptstadt Bayerns.

Wird Zeit, dass ich ihnen wieder einmal maile! Einen Aufenthalt in der Schweiz schulden wir ihnen auch – ihnen ebensoviel zu bieten dürfte uns aber nicht allzu schwer fallen, oder;-)?

Mit lieben Grüssen, euer Ruben

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