Wie geht es eigentlich Hörbehinderten in ihrem Alltag?

 

Wie geht es eigentlich Hörbehinderten in ihrem Alltag? Wie ist das, wenn sie noch in der Schule sind, und dann, wenn sie Erwachsen sind? 

Manchmal versteht man einfach nichts, man kann anderen nicht folgen, manchmal muss man den Informationen hinterherrennen, etc. Das kennt man. Aber ist der ganze Alltag so? Oder gibt es ebenso viele gute Momente, in denen man nicht gestresst oder verärgert ist? 

 

An der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich gibt es seit 10 Jahren eine Langzeitstudie, in der genau diese Fragen gelöst werden (https://www.hfh.ch/de/forschung/projekte/langzeitstudie_zur_veraenderung_der_befindensqualitaet_hoergeschaedigter/). In dieser weltweit ersten Studie zur Veränderung des Wohlbefindens haben wir hörende und hörbehinderte, integriert beschulte Kinder (11 bis 13 Jahre alt) gefragt, wie es ihnen geht: Eine ganze Woche lang haben sie mehrmals am Tag in verschiedenen Situationen einen Fragebogen ausgefüllt. Sie wurden gefragt, wie es ihnen im Moment geht, ob sie sich gelangweilt, gestresst, ruhig oder entspannt fühlen. Gleichzeitig haben sie beschrieben, ob es laut war, ob sie mit anderen kommuniziert haben oder was sie gemacht haben. Drei Jahre später und nochmals drei Jahre darauf haben wir dasselbe gemacht. 

Nun ist folgendes herausgekommen: 

Die untersuchten hörbehinderten PrimarschülerInnen fühlen sich gar nicht öfter gestresst oder verärgert als hörende Gleichaltrige (graue und grüne Linien sind fast gleich im roten Feld, zur 1. Erhebung). Im Gegenteil sind sie häufiger begeistert, motiviert und voller Energie. Sie fühlen sich also besser als ihre hörenden Peers, wenn sie in die Primarschule gehen (siehe grüne Linie im blauen Feld, zur 1. Erhebung). Allerdings verändert sich dies im Laufe des Heranwachsens. Je älter die hörbehinderten und hörenden Befragten werden, desto ähnlicher werden sie sich.  

Es zeigt sich jedoch auch, dass beispielsweise gerade in Gesprächssituationen negative Gefühle bei den Hörbehinderten bestehen (grüne Linie nimmt zu). Beispielsweise beim Spielen in der Pause mit vielen Schulkindern auf dem Schulhof. Oder später im Jugendalter bei Unterhaltungen im Freien, beim geselligen Zusammensein im Restaurant oder beim Kundengespräch am Telefon. Sie müssen dort ihre gesamte Energie auf das Verstehen fokussieren, können dann nicht frei kommunizieren und fühlen sich nicht wirklich „dabei“. 

 Nun beginnt die hfh, mit einer neuen Erhebung: 

Einerseits werden dieselben hörenden und hörbehinderten Personen nun ein viertes Mal befragt, damit die hfh sehen kann, wie die Linien weitergehen. 

Gleichzeitig wird nun aber mit einer neuen Gruppe begonnen; wieder startet die hfh bei den 11- bis 13-Jährigen. Damit können kann man dann sehen, wie sich die Situation in 10 Jahren verändert hat – oder auch nicht!? 

Dieser Text  wurde von Dr. phil. Mireille Audeoud, wissenschaftliche Mitarbeiterin hfh Zürich, geschrieben. 

Von Kevin Wieser Alles 0 Kommentare

0 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.